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Lula
im Wandel – der Blick der Literatura de Cordel auf den brasilianischen
Präsidenten 2002-2006
Ricarda Musser
Iberoamerikanisches
Institut,
Berlin
(Deutschland)
Bis heute nimmt die Literatura de Cordel innerhalb der Massenmedien
Brasiliens einen bedeutenden Platz ein. Tief verwurzelt in der oralen
Tradition des Geschichtenerzählens, trug sie insbesondere im Nordosten
erheblich zur Bildung und Bewahrung einer gemeinsamen kulturellen
Identität bei und diente gleichzeitig der Unterhaltung, Erziehung und
Information.
Ihre Fähigkeit, immer wieder neue Inhalte und Fakten aufzunehmen und
den etablierten Regeln des Genres anzupassen, führt zu ihrer bis heute
ungebrochenen Vitalität. Dies trifft insbesondere auf diejenigen folletos
zu, die sich eher journalistischen Fragestellungen widmen und über
aktuelle politische Ereignisse aus dem In- und Ausland berichten, die
zumeist zeitgleich in anderen Medien wie Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen
präsentiert werden. Großen Stellenwert nehmen dabei diejenigen
Geschichten und Reportagen ein, die sich der Tagespolitik Brasiliens und
ihrer Akteure widmen. Besonderes Augenmerk liegt dabei jeweils auch auf
den Präsidenten Brasiliens.
Cordelhefte über Präsidenten werden in der Regel anhand eines
konkreten Anlasses publiziert, dieser kann der Wahlsieg selbst, aber auch
ein konkretes Ereignis im politischen oder privaten Leben sein, wie der
Rücktritt von Jânio Quadros 1961 oder der tödliche Autounfall von
Juscelino Kubitschek 1976. Bei diesen Gelegenheiten werden in der Regel
die politischen Leistungen der Präsidenten ins Zentrum der Darstellung
gerückt und erfahren eine positive Wertung, wobei eine politische
Ideologie, welcher Richtung auch immer, meist fehlt.
Eine Ausnahme bildeten hier die nach dem Wahlsieg von Luis Inácio da
Silva (Lula) 2002 geschriebenen folletos, mit dessen Regierungsantritt
große Erwartungen im Hinblick auf die Verbesserung der sozialen Lage der
brasilianischen Bevölkerung verbunden waren. Lula wird eindeutig als
Kandidat der PT dargestellt und der Wahlausgang als Sieg der Armen und
Unterdrückten über die Bourgeoisie gewertet. Der Vortrag soll nun der
Hauptfrage nachgehen, ob und in welcher Weise sich das Bild Lulas in der
Literatura de Cordel im Verlaufe seiner Präsidentschaft verändert,
insbesondere angesichts von Korruptionsskandalen in der Regierung, einer
im wesentlichen neoliberal ausgerichteten Wirtschaftspolitik und der
geringen Wirksamkeit von Programmen wie „Fome Zero“.
Für die Darstellung werden Cordelhefte aus den Jahren 2002 bis 2005/6
ausgewertet und zu den konkreten politischen Entwicklungen, aber ebenso
zur Berichterstattung in anderen Medien, wie Zeitungen, in Beziehung
gesetzt. Mit den Ergebnissen soll eine Antwort auf die Frage gegeben
werden, wie Literatura de Cordel im 21. Jahrhundert im Zusammenspiel mit
und in Abgrenzung von anderen Medien ihre Funktion als Informationsmittel
und Chronistin der brasilianischen Realität ausfüllt und welche
spezifischen gestalterischen Mittel ihr dabei zur Verfügung stehen.
Ricarda Musser
Jahrgang 1969; 1988-1994 Studium an der Humboldt-Universität Berlin,
Bibliothekswissenschaft, Romanistik und Psychologie; 2001 Doktorat in
Romanistischer Kulturwissenschaft; seit 2001 Bibliothekarin und
wissenschaftliche Mitarbeiterin im Ibero-Amerikanischen Institut Berlin;
seit 1999 Lehrbeauftragte an der Humboldt-Universität zu Berlin in den
Studiengängen Geschichte, Gender Studies und portugiesische Literatur;
wissenschaftliche Interessengebiete: Literatura de Cordel, Reiseliteratur
des 18. und 19. Jahrhunderts, Geschichte der deutschen Auswanderung nach
Amerika
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